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Hätten Sie der frau geglaubt?

Die Fahrerin sagt, das Auto habe nicht gebremst

Eine Frau um die 70 fährt mit ihren Daimler Chrysler A 150 in die Waschanlage. Vor ihr verlässt ein BMW der 5er-Reihe die Waschstraße und bremst, um den Seitenverkehr durchzulassen. Der Daimler Chrysler A 150 fährt aus der Waschstraße und beschleunigt. Als die Fahrerin bemerkt, dass der BMW vor ihr abrupt gebremst hat, kommt es in Sekundenschnelle zu einem verheerenden Unfall. Die Frau weicht dem BMW aus und lenkt ihr Fahrzeug gegen eine Begrenzungsmauer.

 

 

 

Sogar die Airbags wurden ausgelöst

Der Beifahrer, der Ehemann der Fahrerin, erlitt schwere Prellungen. Der Schaden an dem  knapp zwei Jahre alten Fahrzeug betrug ca. 13.000,- Euro. Die Fahrerin sagte aus, sie habe auf das Bremspedal getreten, aber kaum Bremswirkung bemerkt; so habe sie im Reflex das Steuer herumgerissen und es kam zur Kollision mit der Begrenzungsmauer. Der einhellige Tenor zur Unfallursache: Die Frau hat das Gaspedal mit der Bremse verwechselt. Das Problem liegt auf der Hand: Man bildet sich aus der Lebenserfahrung heraus eine Meinung und die gilt dann!

Ich führte mit der Fahrerin ein langes Telefongespräch. In diesem Telefonat erklärte sie mir, dass unmittelbar vor dem Unfall die Bremsen in einem bundesweit vertretenen Teilehandel mit angeschlossener Meisterwerkstatt repariert worden seien. Dort seien, so die Fahrerin, bei einem Kilometerstand von nur 13.500 km der Bremssattel, die Bremsscheiben und die Beläge gewechselt worden. Ich besprach die Situation mit einem KFZ-Sachverständigen unserer Bürogemeinschaft. Jeder von uns hatte mit Vorurteilen zu kämpfen; so verbohrt können selbst Spezialsten sein. Ich erklärte dem Sachverständigen, dass der Zusammenhang mit der Reparatur zwar ein Zufall sein könne, dass die Frau aber durchaus den Eindruck erweckte, zwischen Bremse und Gaspedal unterscheiden zu können. Das Fahrzeug wurde in der Werkstatt untersucht, in die es der Abschleppdienst gebracht hatte. Dort wurde es einem Bremsentest unterzogen, auf dem Prüfstand waren aber keine Beanstandungen zu erkennen. Sollte die Fahrerin vielleicht doch die Pedale verwechselt haben? Der Sachverständige der Werkstatt setzte mich von dem Ergebnis in Kenntnis und fragte, ob wir abbrechen sollten. Wir wollten erst ein Honorar-Gutachten anfertigen, wenn wir Anhaltspunkte hätten. Der Schaden war so groß, dass wir den Betrag nicht noch durch ein unnötiges Gutachten erhöhen wollten. Der Sachverständige sollte die Bremse noch einmal nach Demontage der Reifen untersuchen. Was er vorfand, war ein sich auflösender Auftrag auf der Bremsscheibe und den Belägen.

 

 

Vom Mechaniker schwer zu erkennen

Nach Demontage der Bremsbeläge wurde dem Sachverständigen klar, um welche Art von Auftrag es sich handelte: Es war eine Wachsschicht, die die Bremsscheibe bei der Lagerung vor Korrosion schützen soll. Diese Wachschicht ist normalerweise vor dem Einbau zu entfernen. Auf dem Bild sind die Ablagerungen gut zu erkennen. Konnte vielleicht diese Wachsschicht für den zeitweisen Verlust der Bremsleistung verantwortlich sein? Wir erinnern uns: Auf dem Prüfstand hatte die Bremse einwandfrei funktioniert. Sofort nach der Feststellung erkundigte ich mich bei verschiedenen Werkstätten, unter anderem auch Vertragswerkstätten, nach dem Umgang mit den bewachsten Bremsscheiben. Viele erklärten mir, dass das Wachs üblicherweise nicht abgewaschen werde, da es nach kurzer Fahrt sowieso verbrenne. Das stimmt wohl, aber was passiert in der Zwischenzeit, bis die Wachsschicht vollständig verbrannt ist? Um das zu erfahren, mussten wir uns eingehend mit der Materie beschäftigen und wir beschlossen, doch ein Gutachten zu erstellen. Es musste ein Zusammenhang zwischen dem Wachs und der Bremsleistung gefunden werden. Es wurden verschiedene Bremstests durchgeführt, wobei die Verzögerungswerte im Zusammenhang mit der Pedalkraft gemessen wurden. Solange die Bremsanlage kalt war, konnten durchschnittliche Verzögerungswerte von 4,8 m/s² bei einer Pedalkraft von 226 N gemessen werden. Bei warmer Bremsanlage war ein deutlicher Anstieg der Pedalkraft zu erkennen (in diesem Fall 4,66 m/ s² bei einer Pedalkraft von 420 N). Der Reibwert der Vorderachse tendierte somit gegen null, während sich die Pedalkraft fast verdoppelte. Das Wachs hatte sich beim Warmwerden verflüssigt; der Höchstwert der Messung war ein Wert von 800 N. Und damit war die Fahrerin verloren; sie konnte das Fahrzeug nicht mehr bremsen, der Unfall war unvermeidlich.

Was war mit der Werkstatt, die den Unfall verursacht hatte? Zuerst möchte ich bemerken: Der Geschäftsleitung gebührt mein voller Respekt. Fehler können überall passieren und der Schaden wurde freundlich und unkompliziert ersetzt. Die Gefahr liegt darin, dass viele andere Werkstätten noch immer dem Irrglauben unterliegen, dass das Wachs verbrennt und zu jedem Zeitpunkt die volle Bremsleistung vorhanden ist. Wie gesagt, im kalten Zustand ist das durchaus der Fall. Doch wie viele auf diesem Fehler basierende Unfälle mag es in der Vergangenheit gegeben haben, wie viele Verletzte? Ich mag gar nicht darüber nachdenken. Im Zuge meiner Recherche nach dem üblichen Umgang mit dem Wachs hatte ich auch bei einem großen Vertragshändler für LKWs nachgefragt. Auch hier war es üblich, das Wachs nicht zu entfernen. Wir haben unser Gutachten diesen Werkstätten zur Verfügung gestellt. Sie wissen jetzt zumindest um die Gefahr.